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Klimaschutz läßt sich nicht mit Scheinlösungen erreichen

 

Das Wetter ist in aller Munde. Angst und Emotionen haben Hochkonjunktur, Scheinlösungen gibt es im Dutzend billiger. Höchste Zeit, sich von Illusionen in der Klimadebatte zu trennen.

 

Illusion Nummer eins: Europa kann das globale Klima im Alleingang retten.

 

"Europa hat eine Vorbildfunktion" ist der Kern dieser Illusion und die Begründung für ein Verhalten, das in seiner Selbstverleugnung verblüffend ist. Denn ein eigentlich sinnvoller, weil globaler marktwirtschaftlicher Mechanismus, der Handel mit Emissionsrechten, wird durch Beschränkung auf Europa zum Bumerang für die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Ein durchschnittliches Kohlekraftwerk in China emittiert knapp 40 Prozent mehr CO2 als eines in Europa. Also: weg mit der Käseglocke und her mit dem globalen Marktsystem, damit die Mittel für Klimaschutz-Investitionen weltweit dahin fließen, wo sie den größten Nutzen, also die größte Emissionsreduktion, bewirken. Europäische Kirchturmpolitik rettet das Klima nicht. Nur eine globale Allianz kann globalen Klimaschutz gewährleisten.

 

Illusion Nummer zwei: Die Industrie wird's schon richten.

 

Wer die Diskussion über Klimaschutz verfolgt, könnte meinen, dass lediglich die Unternehmen Kohlendioxid emittieren. Tatsache aber ist, dass die deutsche Industrie und Stromwirtschaft nur einen Anteil von etwa 1,5 Prozent an der weltweiten Emission von Klimagasen hat. Es ist also kaum denkbar, dass eine Konzentration auf die Reduktionen dieses Sektors zu einem wirksamen Schutz des globalen Klimas führt. Und während in Deutschland die CO2-Emissionen der Industrie und der Energiewirtschaft zwischen 1990 und 2002 um über 18 Prozent gesunken sind, waren dies bei den Haushalten gerade einmal fünf Prozent. Die Emissionen des Verkehrs sind sogar um elf Prozent gestiegen. Industrie und Stromwirtschaft müssen 15 bis 40 Euro aufwenden, um eine Tonne CO2 einzusparen. Im Straßenverkehr oder bei Gebäuden ist das Ziel viel günstiger zu erreichen: Hier liegt der Aufwand unter 5 Euro pro Tonne CO2. Dafür gibt es viele Lösungsansätze. Würde man alle Altbauten in Deutschland mit innovativen Dämmstoffen und weiteren energiesparenden Komponenten sanieren, könnten neben erheblichen Heizkosten über 80 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Das entspricht der Hälfte der jährlichen CO2-Emission des gesamten Verkehrs in Deutschland und stellt ein Drittel des deutschen Anteils an der Kioto-Zielsetzung dar. Wir brauchen also eine Gesamtbetrachtung aller Sektoren für unseren nationalen Beitrag zum globalen Klimaschutz.

 

Illusion Nummer drei: Nur erneuerbare Energie ist klimafreundlich.

 

Die Faszination dieser Idee ist verständlich. Es ist ein alter Menschheitstraum, dass wir unseren gesamten Energiebedarf aus Sonne, Wind und Wasser gewinnen könnten. Aber es ist vorerst eben nur ein Traum: Die vorhandenen Technologien sind noch nicht wettbewerbsfähig. Es ist für unsere Zukunft wichtig, in die weitere Entwicklung dieser Energieformen zu investieren. Wir dürfen uns aber den Blick auf bereits machbare Lösungen nicht mit Ideologie verstellen. Der richtige Energiemix ist gesucht, und er muss die Kernenergie als eine CO2-emissionsfreie Energieumwandlung beinhalten. Ein wesentlicher Aspekt der Energiedebatte wird gerade von den Unterstützern der erneuerbaren Energien oft vernachlässigt: Energieeffizienz. Hier setzt die Europäische Union mit ihrem Energieeffizienz-Aktionsplan an, mit dem sie bis 2020 den Primärenergiebedarf um 20 Prozent gegenüber 1990 reduzieren will. Durch konsequentes Sparen von Energie könnte schon jetzt der Primärenergiebedarf stark gesenkt werden. Würde man etwa alle Standby-Elektrogeräte abschalten, könnte man zwei Kraftwerke in Deutschland schließen.

Der Wechsel von Flugzeugsitzen aus Metall zu solchen aus Kunststoff reduziert den Treibstoffverbrauch im Luftverkehr deutlich. Den Heizölverbrauch eines Altbaus kann man durch Einsatz innovativer Isoliermaterialien von 25 auf 3 Liter pro Jahr und Quadratmeter senken. Die Liste ließe sich leicht verlängern. Sie macht deutlich, dass Deutschland ein Land der Ideen zum effizienten Umgang mit Energie ist.

 

Fazit

 

Wir brauchen keine Illusionen, sondern umsetzbare Konzepte, die ein nachhaltiges Wirtschaften erlauben. Denn Illusionen vernachlässigen, ja sie verhindern eine integrierte Sicht. Ein optimaler Klimaschutz verlangt aber integrale globale Konzepte, deren Grundlage der für jedes Land optimale Mix aller verfügbaren Energiequellen ist. Kritik an den überzogenen Reduktionsanforderungen der EU-Kommission für die zweite Periode im Emissionshandel ist daher kein Ausdruck von mangelndem Willen zu Klimaschutz. Es ist vielmehr der Versuch, eine verstärkte Abwanderung energieintensiver Produktionen aus Deutschland und Europa zu verhindern, denn das würde dem globalen Klimaschutz überhaupt nicht nutzen.

 

Wir haben verstanden, dass das Klima eine natürliche Ressource ist - so wie Erdöl, Wälder oder Wasser. Ressourcenschonung ist und bleibt daher einer der besten Wege zum nachhaltigen Klimaschutz. Die Industrie wird ihren Beitrag leisten. Aber dazu muss ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleiben.

 

 

Von Jürgen Hambrecht, Vorstandsvorsitzender der BASF AG.