Weltwirtschaft in der Krise - was kommt auf uns zu?
Die internationalen Kapitalmärkte haben mittlerweile Bewertungen erreicht, die dringend einer Einordnung bedürfen, und dies betrifft Aktien- und Rentenmärkte gleichermaßen. Ich bin in letzter Zeit häufig gefragt worden, wie ich die weitere Entwicklung einschätze. Ich habe dazu eine eindeutige Meinung, auch wenn sie uns allen nicht gefallen wird.
Die Lehman-Insolvenz hat sich gerade zum ersten Mal gejährt, aber die Banken treten auf, als wenn nichts gewesen wäre. Dabei hat die internationale Staatengemeinschaft vor einem Jahr den größten anzunehmenden Unfall am Finanzmarkt, nämlich den Zusammenbruch des gesamten Weltfinanzsystems, in letzter Sekunde verhindert. Gleichzeitig wurde die höchste Staatsverschuldung aller Zeiten in den Industriestaaten generiert. Die Realwirtschaft in den Industrieländern ist mit -5% signifikant eingebrochen, Investitionen wurden schlagartig gestoppt, die Produktion zurückgefahren und nur noch Lagerverkauf betrieben. So einen rapiden Verfall gab es noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Wie passt das nun zu den haussierenden Börsen?
Die volkswirtschaftlichen Daten der jüngsten Zeit zeigen an, dass der Rückgang der Wirtschaftsleistung offensichtlich gestoppt werden konnte und eine Bodenbildung erreicht ist. Erste Lichtblicke liefern einige Wirtschaftsdaten (IFO-Geschäftsklimaindex, Einkaufsmanagerindex etc.). Man sollte sich aber schnell klarmachen, dass diese Erholung nur statistischer Natur ist – verglichen mit dem brutalen Absturz der Wirtschaft eine Mini-Bewegung auf niedrigstem Niveau. Das nunmehr für 2010 prognostizierte Wachstum von 0,2% wird nicht verhindern können, das das Gros der Arbeitsplatzverluste (nach Auslauf der schon verlängerten Kurzarbeit) und weitere soziale Kahlschläge noch vor uns liegen, bei gleichzeitig signifikant sinkenden Steuereinnahmen. Die weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte, die sich über Jahrzehnte aufgebaut haben, lassen sich zukünftig nicht mehr finanzieren. Prof. Nouriel Roubini, einer der treffsichersten Wirtschaftsanalysten, sieht die Industriestaaten vor einer Situation mit längerfristig niedrigen Wachstumsraten. Wenn sich dann noch das drohende Inflationspotenzial entlädt, ist die befürchtete sog. Stagflation eingetreten.
Fakt ist: Die Notenbanken der Industriestaaten haben die Märkte mit Liquidität überschwemmt und tun dies weiterhin (Fachbegriff: quantitative easing – bedeutet nichts anderes als Geld drucken), bis hin zum Ankauf eigener Staatsanleihen, falls sich keine Abnehmer mehr finden. Banken haben Hunderte von Milliarden Dollar als Refinanzierungsmittel von den Zentralbanken bekommen (in USA zu 0,25% p.a., in der EU zu 1% p.a.), um der Wirtschaft mit Kreditmitteln zu helfen. Da die nach wie vor marode Bilanzstruktur der Banken (hoher Anteil wertloser Assets, unzureichendes Eigenkapital) eine Kreditvergabe nicht zulässt, werden diese Gelder am Kapitalmarkt z.B. zu 3% p.a. angelegt – ein blendendes Geschäft. Gewinner ist die Bank – Verlierer die mittelständischen Unternehmen. Die nächste Blase ist somit vorprogrammiert, denn die Rentenmärkte haben seit Jahresbeginn rd. 20% Kursgewinn zu verzeichnen. Wir haben in der Vermögensverwaltung die Konsequenzen gezogen und in letzter Zeit verstärkt Unternehmensanleihen verkauft, sodass neben der laufenden Verzinsung hohe Kursgewinne vereinnahmt werden konnten.
Apropos Banken: Die internationalen Finanzinstitute haben den notwendigen und schmerzhaften Anpassungsprozeß der nachhaltigen Entschuldung noch nicht wirklich begonnen. Zu den immer noch in den Bilanzen schlummernden Hunderten von Milliarden (Währung egal) faulen Wertpapieren wird in 2010 noch eine große Welle von Kreditausfällen im Zuge der Rezession kommen. Die Bankenkrise ist noch lange nicht vorbei. Nach einer Umfrage von PWC bei 700 mittelständischen Unternehmen gehen 10% (!) davon aus, dass sie die nächsten 6 Monate ohne weitere Kreditvergaben nicht überleben werden. Thema Kreditvergabe – siehe oben.
Was machen die Notenbanken?
Die alles entscheidende Frage für die Weltkonjunktur wird sein, wie die Notenbanken aus dieser Ecke des billigen Geldes wieder herauskommen, denn sie haben die Wahl zwischen Pest und Cholera. Werden die Leitzinsen wieder erhöht, bricht das minimale Wachstum sofort wieder in sich zusammen und die Deflation vom Jahreswechsel ist wieder da. Werden die Märkte weiter mit billiger Liquidität geflutet, sieht das Szenario wie folgt aus: Zeitliche Verschiebung der Problemlösung nach hinten, langsames Wirtschaftswachstum, Inflationsgefahr wird potenziert und trifft uns umso stärker. Wie sagte ein anerkannter Wirtschaftswissenschaftler, der sich im engen Umfeld des IWF bewegt, auf einer Tagung in kleiner Runde: „ Die Politiker haben die Hosen gestrichen voll“. Je lauter vor der Kamera, desto weniger Inhalt in den Worten.
Zurück zu den Kapitalmärkten
Meine Meinung zu den Rentenmärkten hatte ich schon oben beschrieben – hier sind Kursverluste vorprogrammiert. An den Aktienbörsen gilt ähnliches: Die prognostizierten 2010er-KGV`s der Bankanalysten gehen von einer 50%-igen Steigerung der Unternehmensgewinne aus – mir konnte bisher allerdings noch niemand erklären, woher diese kommen sollen. Auf einer Kapitalmarktkonferenz in London am letzten Wochenende wurde ein klares Bild gezeichnet: Spätestens im Frühjahr 2010, evtl. früher, wird es zu einem deutlichen Rücksetzer an den Aktienmärkten kommen. Diese Meinung deckt sich sehr mit meiner Einschätzung. Die irrationale Liquiditätsblase kann die Börsen durchaus noch ein Stück weiter nach oben treiben, aber in nicht ferner Zukunft wird auch dort erkannt, wo die Wirtschaft wirklich steht und welche sozialen Kosten zu verkraften sind.
Ausblick
Es ist zu befürchten, dass sich die Aktienmärkte in den Industrieländern unter hohen Schwankungen in den nächsten Jahren nur seitwärts bewegen und keine echte Verzinsung liefern. Nach unserer Meinung sollte sich der Anleger in diesem Umfeld wie folgt positionieren?
- Strategische Aktienquote mit nachhaltig erfolgreichen Unternehmen
- Stärkere Gewichtung der Emerging Markets zu Lasten der Industrieländer (u.a. Brasilien, China, Indien, Korea, Middle East)
- Rohstoff-Anlagen
- Nutzung institutioneller marktneutraler Strategien (Global Futures), zur Erzielung vom Aktienmarkt unabhängigen und unkorrelierten Renditen
- Strategische Zertifikate, die auch in Seitwärtsmärkten vernünftige Ergebnisse liefern
In der globalen Vermögensstrukturplanung werden nach wie vor Sachinvestments empfohlen:
- Opportunistische Immobilieninvestments weltweit
- Landentwicklung, Wald, Wasser
- Private Equity
- Infrastrukturinvestitionen
- Investments in Rohöl ,erneuerbare Energien und professionell gemanagte Solarparks
- Physisch hinterlegtes Gold (10% des liquiden Vermögens) als Inflationsschutz
Der im Juli dieses Jahres von unserer Gesellschaft aufgelegte Dachfonds nutzt die obigen Asset-Klassen als Co-Investments mit institutionellen Investoren im Rahmen eines Best of-Portfolios. Wir glauben hiermit, neben der liquiden Geldanlage in der Vermögensverwaltung, die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Finanzmarktkrise geben zu können.
Das Management des Privatvermögens erfordert zukünftig wesentlich mehr Aufmerksamkeit. Volatile Märkte mit immer kürzeren Zyklen und politische Herausforderungen im Zuge der wachsenden Haushaltsdefizite verlangen mittlerweile permanentes Risikocontrolling. Die globale Wirtschaftskrise hat die westlichen Industrieländer weit zurückgeworfen. Der Zeitpunkt, zu dem die wachsenden asiatischen Schwellenländer die westliche Welt überholen werden, wird jetzt deutlich früher eintreten. Es macht viel Sinn, diese Entwicklungen in unseren heutigen Dispositionen zu berücksichtigen, damit unsere ohnehin schon mit hohen Bürden belastete Nachfolgegeneration noch ausreichend Handlungsspielraum vorfindet.
uh / 09-2009
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